[Titelfragment 1.1] [Titelfragment 1.2] Titelfragment 1.3]
[Titelfragment 2.1] [Titelfragment 2.2] [Titelfragment 2.3]
[Titelfragment 3.1] [Titelfragment 3.2] [Titelfragment 3.3]

Im letzten Bärtierchen-Journal haben wir das feine Farblitho von 1867 gesehen, welches zeigt, daß die Wissenschaftler im Deutschland des 19. Jahrhunderts die Wasserbären durchaus ernst nahmen und gelegentlich sogar farbig abbildeten. Es sollte allerdings noch 50 Jahre dauern, bis sich auch die Amateurmikroskopie in Deutschland zu einer populären Massenbewegung entwickelte.
Ganz anders in Großbritannien. Schon vor 1870 hatten die liebenswert spleenigen Briten eine recht quirlige Amateur-Szene. Werfen wir einen Blick auf und in das Mikroskopiebuch der Hon. Mrs. Ward  von 1869:


[Detail vom Buchumschlag]

"The Microscope" by
the Hon. Mrs. Ward,
3. Auflage, London 1869,
Detail vom Buchumschlag.


Im Vorwort zu ihrem Buch beschreibt Mrs. Ward den rasanten Umbruch: "Als ich begann, dieses Buch zu schreiben, stand nur Wenigen ein gutes Mikroskop zur Verfügung. Das hat sich nun geändert. Exzellente Geräte, für die meisten Zwecke durchaus ausreichend, kann man jetzt für drei oder vier Guineen kaufen. Es sieht ganz so aus, als würde sich das Mikroskop -wie einer seiner Protagonisten es jüngst ausdrückte- zum selbstverständlichen Begleiter einer jeden intelligenten Familie entwickeln."
Es war allerdings noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten. Lassen wir wieder Mrs. Ward zu Wort kommen: "Ein einfacher Arbeiter kam, und schaute halb schüchtern, halb freudig durch das Mikroskop auf ein interessantes Objekt. Er betrachtete es einen kurzen Moment aufmerksam und rief dann aus: «Es ist wunderschön; aber ist es nicht nur Schein und Trug?» Die Antwort hätte lauten können: «Nein mein Lieber, es ist wahr und wirklich, kein Betrug und ganz real. »"

Ähnliche Überzeugungsarbeit hatten schon die Mikroskopiker des 18. Jahrhunderts zu leisten. Nur allzu berechtigt war die Angst, als völlig verrückt oder vom Teufel besessen zu gelten. Deshalb ist der virtuelle Augenzeuge ein beliebtes Stilmittel der älteren Fachliteratur. Nur auf diese Weise bestand eine Chance, den chronisch zweifelnden Leser von der wirklichen Existenz der Kleinlebewelt zu überzeugen. Im Buch des Bärtierchen-Erstbeschreibers Goeze findet sich ein schönes Beispiel zu dieser Erzähltaktik.

Mrs. Ward hatte das Glück, schon als Kind von den Eltern ein feines "Ross"-Mikroskop geschenkt zu bekommen, d.h. zu einer Zeit als die Mikroskope für den Normalverdiener unerreichbar waren. Eine Farbabbildung dieses wahrhaft prächtigen Gerätes stellt Mrs. Ward ganz an den Anfang ihres Buches:


[Das Mikroskop der Mrs. Ward]

Das "Ross"-Mikroskop der Mrs. Ward


Konsequenterweise endet das Buch mit Abbildungen weiterer, edler Beispiele der englischen Mikroskopbauer-Handwerkskunst, welche aus sich selbst heraus und ohne weiteren Kommentar beeindrucken:


[Binokulares Mikroskop]

Binokulares Mikroskop.
Inserat aus dem Buch der
Honourable Mrs. Ward


Mrs. Ward wendet sich an den Einsteiger. Auch heute noch könnte man das Büchlein dem Anfänger empfehlen. Schon die Titel der einzelnen Kapitel zeigen, daß Praxisbezug angesagt ist: "Wir packen das Mikroskop aus", "Sammeln und Präparieren von Objekten", "Haare und Federn" ...
Der Anfänger von heute hat es allerdings in vieler Hinsicht leichter: "Nehmen Sie als Beleuchtung keine Kerze. Sie flackert so ekelhaft. Noch dazu ändert sich die Position der Flamme, wenn die Kerze abbrennt."


In einem richtig guten Mikroskopiebuch sollten -wir alle wissen es- natürlich auch die Bärtierchen vorkommen. Und tatsächlich, Mrs. Ward enttäuscht uns in diesem Punkt nicht, sie widmet den Wasserbären gleich zwei Seiten und eine Abbildung:


[Biärtierchen-Zeichnung]

Besser als Mrs. Ward kann man die erste Begegnung mit einem Tardigraden wohl kaum beschreiben: "Herr Dujardin ordnet den Rädertierchen noch eine vierte Artengruppe zu, nämlich die Tardigrada   (Langsamgeher), volkstümlich auch Wasserbären genannt. Sie sind sehr ausführlich in "Marvels of Pond-Life" (Anmerkung des Verfassers: Ein etwa zeitgleich entstandenes Mikroskopiebuch von H.J.Slack) beschrieben. Man muß sie jedoch selbst gesehen haben, um sich von dem komischen Anblick dieser Kreaturen eine Vorstellung zu machen.
Ich habe meinen ersten Wasserbären gesehen, als ich einmal etwas Seegras in meiner Live-Box* untersuchte. Plötzlich kamen ein Kopf und ein Paar Füße ins Bild und ich dachte mir «das ist eine kleine Insektenlarve», rechnete damit, daß ein langer, in viele Segmente aufgeteilter Körper folgen würde. Ganz überraschend zeigte sich das Tier jedoch schnell als Ganzes und stolzierte nun auf einem kleinen Ästchen herum. Es sah einem verspielten Hund so ähnlich, daß ich es zunächst gar nicht glauben wollte!
Herr Slack berichtet in seinem Buch, seine Bärtierchen hätten keine Augen und Pritchard erwähnt in seiner "History of Infusoria", die Augen seien ein recht variables Merkmal und entzögen sich häufig der Betrachtung. Meine Wasserbären jedoch hatten tiefschwarze Augen von respektabler Größe.
Als ich meinem ersten Wasserbären durch geringfügiges Anheben des Deckels der Live-Box etwas mehr Bewegungsspielraum verschaffte, hatte ich für einige Minuten das merkwürdige Gefühl, daß er mich mit seinen Augen anstarrte. Er erinnerte mich in dieser Haltung mit seiner hellen Farbe stark an einen Eisbären. In diesem Moment stimmte ich mit denjenigen Naturforschern überein, die (wie auch Dr. Carpenter erwähnt) eine Verwandtschaft der Tardigraden mit den Rädertierchen völlig ablehnen. Mr. Slack vertritt die Meinung, daß sie, wenn überhaupt, eine äußerst geringfügige Verwandschaft mit der großen Familie der Spinnen aufweisen."


Zum Schluß noch ein aktueller Hinweis: Seit dem 11. März 2001 steht in der Filmgalerie II ein neuer Bärtierchenfilm für Sie bereit!



Literatur und Anmerkungen

Owen Harry: The Hon. Mrs. Ward (1827-1869): A Wife, Mother, Microscopist and Astronomer in Ireland 1854-1869. In: Science in Ireland, 1800-1930: Tradition and Reform, John R. Nudds (Ed.), Dublin 1988.

The Hon. Mrs. Ward: The Microscope. 3rd ed., London 1869.-    Der Originaltext lautet:
"The fourth tribe which M. Dujardin has included among the rotifers consists of the Tardigrada, or slowsteppers, popularly called 'water-bears'. They are very fully described in 'Marvels of Pond-life;' but a sight of the original is required to give a full idea of the creature's comical aspect. I first observed it when examining a quantity of weed in a live-box. The head and a pair of feet were suddenly poked into view, and I thought, 'here is a small larva,' and expected a long body in several joints to follow, when all at once the creature showed in its completeness, walking along a stalk, and more like a young puppy with eight legs than can be easily believed! Mr. Slack says his specimens had no visible eyes, and that these organs are, according to Pritchard's book,¤ 'variable and fugacious.' My water-bears had eyes, and of very respectable size and blackness. The first specimen which I met, being given sufficient room to climb by slightly raising the life-box's cover, seemed for some minutes as if staring at me, and in that position not a little resembling the white polar bear, its colour being somewhat pale. I felt inclined, when looking at this animal, to side strongly with those naturalists who (as Dr. Carpenter mentioned) regard the Tardigrada as altogether distinct from the true rotifers. Mr. Slack's account of them is, that they are, physiologically speaking, poor relations of the great family of spiders."
                                                                   ¤  Pritchard's 'History of Infusoria'

(*) Die Live-Box ist eine spezielle Vorrichtung (eine Art Objekträger) zur Betrachtung lebender Kleinorganismen unter dem Mikroskop.



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© Text von  Martin Mach