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Die Felswand (II)

Im letzten Journal hatten wir eine kleine Felswand in Österreich erwähnt. Auf einem Wanderweg von Abtenau zur Rocheralm waren wir dort vorbeigekommen und hatten eine kleine Menge "Fallmoos" eingesammelt, d.h. Moos, das offensichtlich von der Felswand abgestürzt war und am Boden lag. Dieses Moos ist nun keineswegs eine Besonderheit. Es kommt uns jedoch wie gerufen, um einmal exemplarisch zu zeigen, was man im Normalfall in einer Moosprobe so alles finden kann. Und es hilft vielleicht, dass wir nicht mehr gar so viele Mails bekommen, in denen freudig der Fund eines "Bärtierchens" gemeldet wird, das beigefügte Foto jedoch leider ein Rädertierchen zeigt.

Von dem relativ großen Moospolster zweigten wir ein kleines Büschel ab und legten es der guten Ordnung halber zunächst auf eine Waage: 0,72 g.


[ Moosprobe von der kleinen Felswand vor dem Wässern ]

Eine Teilmenge des "Fallmooses" vor dem Wässern. Einwaage: 0,72 g.


Die Vorgehensweise beim Wässern haben wir hier schon des öfteren geschildert. Man kann Leitungswasser nehmen, Regenwasser oder auch ein "Volvic"-Mineralwasser. Das Moos saugt stark, so daß man in den ersten Minuten häufig noch etwas Wasser nachgießen muß, damit es einigermaßen bedeckt bleibt.


[ Moosprobe von der kleinen Felswand während des  Wässerns ]

Dasselbe Moos während des Wässerns


Nach mindestens vier Stunden Wässerungszeit nehmen wir das Moos aus dem Wasser, parken es in einer zweiten Petrischale und betrachten den im Wasser der ersten Petrischale verbliebenen Bodensatz. Wenn nicht gar zu viel Erde drin ist, fällt uns das Suchen und den Bärtierchen das Leben leichter.


[ Rückstand in der Petrischale nach Entfernen des Mooses ]

Der Rückstand in der Petrischale nach dem Wässern


Am einfachsten suchen wir die Bärtierchen mit Hilfe eines Steromikroskopes bei etwa 30facher Vergrößerung auf dunklem Untergrund. Den unten gezeigten Nematoden wird niemand mit einem Bärtierchen verwechseln. Seine erratischen Zuckungen (oder das Fehlen derselben) helfen uns jedoch zu beurteilen, wie die Bedingungen im Wasser sind und wie es um den Sauerstoffgehalt bestellt ist.


[ Ein Nematode (Bildmitte) in der Probe ]

Ein Nematode (Bildmitte) in der Felswand-Moosprobe. Bildeindruck bei Betrachtung im Stereomikroskop. Bildbreite ca. 6 mm.

[ Der Nematode bei stärkerer Vergrößerung ]

So schaut der Nematode bei stärkerer Vergrößerung im normalen Mikroskop aus. Bildbreite ca. 0,5 mm.


Nun zeigen wir - wie schon erwähnt auch im eigenen Interesse - wie ein Rädertierchen im Stereomikroskop ausschaut. Nota bene: es hat nie 8 Beine!


[ Rädertierchen im Stereomikroskop ]

So zeigt sich ein Rädertierchen unter dem Stereomikroskop (etwas rechts von der Bildmitte in Position 4 Uhr), wenn es sich wohl fühlt und mit seinen "Rädern" Nahrungspartikel heranstrudelt. Falls es sich nicht so wohl fühlt, zieht es seine Räder ein und macht sich mit Hilfe von raupenartigen Bewegungen auf die Suche nach einem schöneren Lebensraum.
Bildbreite ca. 6 mm.

[ Rädertierchen im normalen Mikroskop ]

Im normalen Mikroskop sehen wir die "Räder" deutlicher und erkennen auch die, für Moos-Rädertierchen besonders typische Längsstreifung des Körpers. Bildbreite unter 0,5 mm.


Beim flüchtigen Auszählen der oben gezeigten Probe haben wir gefunden:
-- etwa 25 Rädertierchen
-- einige wenige Nematoden
-- 6 Eutardigraden-Bärtierchen
-- 2 Echiniscen-Bärtierchen
Im Vergleich mit der von Ernst Marcus berichteten maximalen Populationszahl von 22.000 Bärtierchen in einem Gramm Moos mag das zunächst enttäuschend klingen. Weitere Wässerungen haben uns jedoch gezeigt, daß dieses österreichische Bergmoos keineswegs langweilig ist. Gleichzeitig wird allerdings deutlich, daß es nicht immer leicht ist, die richtige Probenmenge zu wählen: bei 22.000 Einwohnern wäre die Probe ganz klar sinnlos groß, in unserem Fall jedoch lassen beispielsweise die zwei Echiniscen kaum sichere Rückschlüsse zu deren Artenvielfalt an der Felswand zu.
Einen der Eutardigraden, und zwar einen guten Bekannten, nämlich das räuberische Milnesium tardigradum, bilden wir hier schon mal ab:


[ Milnesium tardigradum von der Felswand-Moosprobe ]

Milnesium tardigradum von der Felswand-Moosprobe. Die extrem breite Speiseröhre ermöglicht es dem Fleischfresser, kleine Rädertiere und gelegentlich auch kleine Bärtierchen anderer Arten als Ganzes einzusaugen. Bildbreite ca. 0,3 mm.


Die ausgefalleneren Mitbewohner folgen in den nächsten Journalen. Bis bald!



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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach